Kollegvortrag, 30. Juni 2021

Vortrag – Claudia Benthien und Norbert Gestring: „Public Poetry. Lyrik im urbanen Raum“

Zeit:
30. Juni 2021, 14:00 - 16:00
Plattform:
Zoom
Anmeldung:
Anmeldung per Mail an baharova@uni-trier.de
Sprache:
  Deutsch

Die DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Russischsprachige Lyrik in Transition“ (FOR 2603) lädt Sie herzlich zu einem Gastvortrag von Prof. Dr. Claudia Benthien und Dr. Norbert Gestring über die Video-Plattform Zoom ein. Bitte melden Sie sich bis zum 29.06.2021 bei Katja Baharova (Koordinatorin des Kollegs: baharova@uni-trier.de) an, um an der Live-Veranstaltung teilzunehmen. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden die Zugangsdaten zur Zoom-Sitzung kurz vor Veranstaltungsbeginn zugeschickt.

Public Poetry. Lyrik im urbanen Raum

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt führt literaturwissenschaftliche und stadtsoziologische Ansätze zusammen und wird in einer Buchpublikation resultieren. Es widmet sich der visuellen und akustischen Präsenz von Lyrik in zeitgenössischen urbanen Settings. Zum Beispiel „Poetry in Motion“: gerahmte Gedichte in U-Bahn-Waggons ‒ ausgehend von Initiativen in London und New York inzwischen ein globales Phänomen. Oder großformatige Gedichte auf Häuserwänden und Fassaden, sei es temporär, etwa durch fluoreszierende und fluide Lichtprojektionen im Rahmen von Kunst-Events, sei es dauerhaft, durch die Beschriftung der Gebäude mit riesigen Lettern. Auch „Billboard Poetry“ (Gedichte auf Plakatwänden, mit eigenem Festival) oder Lyrik als schriftkünstlerische Neonlicht-Installation in Parks oder auf öffentlichen Plätzen sind hier zu nennen. Auch akustische Präsentationen lyrischer Sprache werden untersucht: von technisch verstärkten Poetry Slam Events, die das gesprochene Wort im urbanen Raum hörbar machen, bis hin zu poetischen Interventionen, zum Beispiel das provokante Deklamieren von Gedichten durch ein Megaphon an symbolträchtigen städtischen Orten. Es werden sowohl kommerzielle und künstlerische Projekte untersucht, die von der Stadtverwaltung genehmigt wurden, als auch informelle, durch Dichter:innen oder Anwohner:innen selbst initiierte, die derart ihr „Recht auf Stadt“ (Henri Lefebvre) beanspruchen.

Analysiert wird nicht allein die Ästhetik dieser sehr unterschiedlichen schriftkünstlerischen oder performativ-auditiven Arbeiten, indem literaturwissenschaftlich danach gefragt wird, wie und warum die verwendete Sprache ‒ im Unterschied etwa zu Werbeplakaten, Wegweisern oder Graffiti ‒ als ‚poetische‘ rezipiert wird. Es wird auch eine stadtsoziologische Perspektive eingenommen und untersucht, wie Lyrik zur Raumproduktion an den konkreten Orten beiträgt. Theoretisch stützt sich das Projekt auf lyrik-, kunst- und raumtheoretische Ansätze, empirisch nicht nur auf Recherchen zu Lyrik im städtischen Raum, sondern auch auf eigene Erkundungen vor Ort durch Beobachtungen und Spontaninterviews mit Rezip:ientinnen von Lyrik in urbanen Settings (soweit die Corona-Lage das zulässt).

Das Forschungsprojekt geht davon aus, dass der städtische Raum nicht mehr mit einer Dichotomie von privaten und öffentlichen Räumen hinreichend beschreibbar ist. Durch Prozesse der Privatisierung und Kommerzialisierung sowie der wachsenden Überwachung haben sich Raumtypen entwickelt, die der Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit nicht mehr gerecht werden: Shopping Center, Business Improvement Districts und Transiträume, die Marc Augé als „Nicht-Orte“ ohne Geschichte und Identität beschrieben hat, sind dafür Beispiele. Eine der grundlegenden Annahmen ist es, dass Lyrik, traditionell verstanden als ‚subjektive‘ Gattung, dazu beiträgt, diese Veränderung zu reflektieren. Gefragt wird daher, wie Lyrik in urbanen Räumen wahrgenommen wird, ob sie Irritationen hervorruft und internalisierte Verhaltensroutinen in Frage stellt, ob sie sich in Trends der Raumentwicklung lediglich einfügt oder neue, kritische Perspektiven motiviert.