Ringvorlesung, 12. Juni 2019

Ringvorlesung mit Ann Cotten: Kalifornische Erkundungen

Zeit:
12. Juni 2019, 18:00 - 20:00
Ort:
Universität Trier, HS 7 (Gebäude C)

Die DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Russischsprachige Lyrik in Transition“ (FOR 2603) lädt Sie herzlich zu der Öffentlichen Ringvorlesung zum Thema: Lyrik heute: Existenz zwischen Sprachen und Kulturen ein:

Poetikvorlesung von Frau Ann Cotten: Kalifornische Erkundungen.

Vorlesung

In ihrer Poetikvorlesung berichtet Ann Cotten von ihren Erfahrungen mit den verschiedenen Arten sprachlicher Kommunikation, die sie im Herbst 2018 bei ihrem Aufenthalt als Stipendiatin an der Villa Aurora in Los Angeles machen durfte. Schwerpunkt des Projektes war es, der vielstimmigen Immigrationsgeschichte Kaliforniens und des Prozesses der „Quasi-Exilierung“ der Ureinwohner – einer ganz anderen Art von Innerer Emigration als in Deutschland und Österreich verschlagwortet – nachzuhorchen. Dabei wird Cotten direkt aus ihrer aktuellen Arbeit vortragen: Einem noch formoffenen Dossier, das dokumentiert, wie jenseits der deklarativen Sprache, die gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen ebenso wie subkulturell agierenden Rappern oft zu eigen ist, eine Vielfalt der Möglichkeiten lebt, Widerspruch, Einspruch, eigene Versionen, Kollektivitäten und eigenen Raum zu behaupten oder erst zu schaffen. Ebenso wird der Rekurs auf das Schweigen betrachtet, dabei auch Orte und Topoi zu meiden; eine kommunikative Strategie, die viele Frauen, gesellschaftliche Randgruppen und sonstige, subversive Individuen verfolgen. Gleichzeitig erscheint es vielen Menschen aus eben diesen Gruppen – aus philosophischen wie emotionalen Gründen – nicht unbedingt ratsam oder verlockend, den Weg der Selbsterhöhung einzuschlagen.

Aufgezeigt wird zudem, wie Cottens inhaltliche Arbeit durch ihre eigene Herkunftsgeschichte beeinflusst wird, ebenso wie durch ihre langjährige und mitunter vergeblich erscheinende Beschäftigung mit der japanischen Sprache, wie sie von ihr in Jikiketsugaki (2016) dokumentiert wurde.

 

Biographie

Ann Cotten, geboren 1982 in Iowa, lebte von 1987 an in Wien, seit 2006 in Berlin. Sie studierte Germanistik und schloss ihr Studium mit einer Arbeit über die Liste in der Konkreten Poesie. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis, dem Clemens-Brentano-Preis, dem Adelbert-von Chamisso-Preis, dem Klopstock-Preis und dem Hugo-Ball-Preis. Seit 2017 ist sie Mitglied der Berliner Akademie der Künste, 2018 hatte sie ein Stipendium in der Villa Aurora, Los Angeles

 

Neueste Veröffentlichungen

Lyophilia, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019.

Fast Dumm, Essays von on the road. Starfruit Publications, Fürth 2017.

Verbannt! Versepos, Suhrkamp, Berlin, 2016.

Der schaudernde Fächer, Suhrkamp, Berlin, Erzählungen, 2013.

Florida-Räume. Gedichte, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 2010.

 

Mittwoch, den 12. Juni 2019

18-20 Uhr

Achtung: RAUMÄNDERUNG: HS 7 (Gebäude C), Universität Trier

Gäste sind herzlich willkommen!

Öffentliche Ringvorlesung – „Lyrik heute: Existenz zwischen Sprachen und Kulturen“

Das Kolleg richtet im Sommersemester 2019 mit Unterstützung durch die Universität und die DFG die Öffentliche Ringvorlesung aus. Hierfür wird erstmals an der Universität Trier das Format der Poetikvorlesung gewählt. In der Poetikvorlesung geben renommierte AutorInnen anhand eigener Textbeispiele und deren Reflexion Einblick in die Prinzipien ihres literarischen Schaffens, der im anschließenden Werkstattgespräch weiter vertieft wird.

Die Vorlesungen zum Thema „Lyrik heute: Existenz zwischen Sprachen und Kulturen“ werden von international bekannten LyrikerInnen gehalten, die zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen stehen und vermitteln. Sprache bildet Medium und Material der Lyrik, die in jüngster Theorie als „Display sprachlicher Medialität“ und sprachlicher „Generator ästhetischer Evidenz“ (Rüdiger Zymner) definiert wird. Das Evidenzmoment der Lyrik im Prozess ihrer Genese und Rezeption ist eine Existenzerfahrung, derer Menschen besonders in Krisen, aber auch Höhenflügen bedürfen – Dichten ist weniger Kunst und Ausdruck von Inhalten, als vielmehr Medium der Individuation. Welche Bedeutung hat dabei das Dichten für AutorInnen, die zwischen Sprachen und Kulturen stehen oder wechseln? Wie sehen sie ihren Umgang mit Sprache(n)? Welchen Bezug hat Dichten für sie zu ihrer eigenen Existenz und Individuation? Die sechs LyrikerInnen bekommen zur Aufgabe, ihre Poetik vorzustellen und die Rolle von Sprache(n), zumal Mutter- und Fremdsprache(n) sowie damit zusammenhängender kultureller Eigen- und Fremdkontexte in Bezug auf ihre persönliche Biographie zu beleuchten.

 

Das Programm im Überblick: 

17.04. Ol’ga Martynova: Wie (un)persönlich ist die Sprache?

24.04.Yang Lian: Poetry Inbetweenness: Tradition, Exile and Modernity as basic conditions of Chinese poetry

15.05.Michael Schmidt: “Messengers with news of light“: Dichtung aus drei Perspektiven

29.05.Yoko Tawada: Von Metaphernwäldern und flüchtigen Abenden

12.06.Ann Cotten: Kalifornische Erkundungen

19.06.Monika Rinck: ‚Tür auf – Tür zu – Tür auf‘ – Wiederholung zwischen Ideologie und Operette

 

Die LyrikerInnen und ihre Themen

Die Vorlesungsreihe eröffnet mit Ol’ga Martynova eine Autorin, die in der Nähe von Krasnojarsk (Sibirien) geboren ist, aber seit 1991 in Deutschland lebt und sich in den letzten Jahren auch innerhalb der deutschen Literaturszene einen Namen gemacht hat. Martynova ist Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2012 und Trägerin des Berliner Literaturpreises (2015). Ihr Schreiben steht zwischen den Sprachen und Literaturen – ihre poetische Prosa verfasst sie seit 2000 auf Deutsch, ihre Gedichte weiterhin auf Russisch, aber in enger Verbindung mit der internationalen sowie der deutschen Lyriklandschaft. In ihrer Poetik gewinnt die Sprache ein Eigenleben, zu dessen Medium und Objekt das dichtende Subjekt wird. Yang Lian, geboren in der Schweiz und aufgewachsen in Peking, heute wohnhaft in London und Berlin, wurde mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet – allein 2018 erhielt er gleich drei Preise in drei verschiedenen Ländern: „He Ze Du Lin Cup”, Shanghai, China; Premio International NordSud (2018 NordSud International Prize) for Literature, Italien, und den Janus Pannonius International Poetry Grand Prize in Ungarn. Yang Lian spricht über transnationales Dichten, das sich zwischen den Kulturen und Sprachen bewegt, wobei die Bandbreite von Ostasien über Europa bis nach Amerika reicht. Der in Mexiko geborene, in England ansässige Michael Schmidt, dessen Vorfahren aus Deutschland kommen, hat die Entwicklung der britischen Lyrik seit mehr als fünfzig Jahren in dreifacher Weise begleitet und beeinflusst: als Verleger, als Wissenschaftler (u.a. mit Professuren für Kreatives Schreiben) und nicht zuletzt als Dichter. Noch als Student in Oxford übernahm Michael Schmidt 1967 den Verlag Carcanet, der heute der bekannteste Lyrikverlag Großbritanniens ist, sowie 1973 das Lyrikmagazin PN Review. Seitdem fungieren Verlag und Magazin als publizistische Heimat für LyrikerInnen der Weltliteratur. Schmidts Lyrik bringt Stimmen der Weltlyrik, darunter etwa Hugo von Hofmannsthal, Boris Pasternak, Robert Frost oder Octavio Paz, in den Dialog mit seiner eigenen, durch Melancholie und Ironie gekennzeichneten Stimme. Yoko Tawada, geboren in Tokyo, heute wohnhaft in Berlin, ist weltbekannt für ihr Schreiben zwischen japanischer und deutscher Sprache und Kultur und hat eine Reihe an bedeutenden internationalen Auszeichnungen bekommen, etwa 1992 den Akutagawa-Preis, 2016 den Kleist-Preis und zuletzt 2018 die Carl-Zuckmayer-Medaille, die für Verdienste um die deutsche Sprache verliehen wird. Ihre Poetik kennzeichnen die Transformation und Überwindung von sprachlichen, geografischen sowie körperlichen Grenzen. Mit Sprachspielen und Wortwitz arbeitet Tawada Yoko kulturelle Unterschiede heraus, indem sie u.a. europäische und östliche Mythen aus dem Zusammenhang herauslöst und diese auf originelle Weise umschreibt. Monika Rinck, zuletzt 2015 mit dem Kleist-Preis und 2017 dem Ernst-Jandl-Preis ausgezeichnet, gehört zu den deutschen SpitzenlyrikerInnen, welche die Grenzen der Sagbarkeit poetischer Sprache ausloten und dabei die Beziehungen zu anderen Medien, wie etwa der Musik, einsetzen. Denn die Verständlichkeit sogenannter ‚einfacher Sprache‘ steht für sie im Verdacht von Macht und Ideologie. Auch Ann Cotten, geboren in Iowa, von 1987 an in Wien, seit 2006 in Berlin beheimatet, ist gleichfalls mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Adelbert-von Chamisso-Preis, dem Klopstock-Preis und dem Hugo-Ball-Preis. Sie ist eine Lyrikerin zwischen den Sprachen und Kulturen par excellence – neben dem Englischen und Deutschen fasziniert sie auch das Japanische; die Immigrationsproblematik bildet das Herz ihrer Poetik. Als Ergebnis ihres derzeitigen Stipendiums in der kalifornischen Villa Aurora geht sie im Vortrag der Vielstimmigkeit der amerikanischen Westküste unter der Frage von Immigration und innerem Exil oder auch der Quasi-Exilierung der Ureinwohner nach.

Gäste sind herzlich willkommen!

Einen Flyer zu der Veranstaltung finden Sie hier.

 

Das Plakat zu der Veranstaltung finden Sie hier.