Konferenz, 20. Juli 2019

Symposium – „Neue Horizonte der Übersetzung in der Gegenwartslyrik“

Zeit:
20. Juli 2019
Ort:
Kobe University (Japan), Takigawa Memorial Hall

Die 229. Tagung der Gesellschaft für Germanistik Osaka Kobe veranstaltet in Kooperation mit der DFG-Kollegforschungsgruppe „Russischsprachige Lyrik in Transition“  das Symposium

Neue Horizonte der Übersetzung in der Gegenwartslyrik

In Zeiten der Globalisierung finden interkulturelle Begegnungen in einer zuvor nicht gesehenen Häufigkeit und Intensität statt. Damit korreliert, dass das Phänomen der Übersetzung und seine Praxis wissenschaftlich große Aufmerksamkeit genießen. Bedeutende Beiträge zum Feld der Translation Studies haben unter anderem Untersuchungen zur Verantwortlichkeit individueller und kollektiver Vermittler im Übersetzungsprozess sowie zu kulturellen oder soziopolitischen Aspekten bei der Rekontextualisierung bestimmter Texte in anderen Sprach- und Kulturwelten hervorgebracht. Aber auch linguistische Fragestellungen konnten durch den “translation turn” präzisiert und interdisziplinär nutzbar gemacht werden. Die jüngsten Bewegungen der deutschen Lyrik beschäftigen sich auch mit dem Übersetzen, das oft als Strategie des kreativen Schreibens angewendet wird.

Mit diesem Symposium möchten wir anhand von konkreten Beispielen aus der gegenwärtigen deutschsprachigen Lyrik untersuchen, wie Texte oder kulturelle Phänomene, Ideen oder Konzepte in neue Kontexte überführt werden und wie sich damit einhergehend Bedeutung äußert, verändert und erneuert.

Christian Lehnert knüpft in seinen Gedichten mit dem Titel Baumgespräche (2018) an Les Murrays Translations from the Natural World (1993, Deutsch in Auswahl als Übersetzung aus der Natur durch Margitt Lehbert 2007) an, dessen Gedichte Fauna und Flora eine Stimme geben. Lehnert übersetzt Murray nicht, aber er greift Murrays Idee auf, Gedichte als Übersetzungen aus der Sprache der Natur in die Sprache der Dichtung zu schreiben. Für diese Übersetzungen gilt in besonderem Maße, was bereits im Fall normaler Übersetzung zwischen zwei Sprachen zu beobachten ist: dass sie eine Interpretation darstellen, die im Original verborgene Aspekte sichtbar machen kann. Lyrik erscheint bei beiden als ein eigenes Medium von Naturerkenntnis, welche sowohl Murrays als auch Lehnert dem für das Anthropozän charakteristischen pragmatischen Naturumgang als Alternative entgegenstellen.

Der polyglotte Dichter Oskar Pastior, der sich zur regelgeleiteten experimentellen Kunst der Dichtergruppe „Oulipo“ bekannte, verstand auch in den Übersetzungen mit dem Original spielerisch umzugehen. Im aus dem Nachlass herausgegebenen Band Speckturm (2007) wird das breite Spektrum des „Daneben-Übersetzens“ aufgeführt. Bekannte Gedichte aus Les Fleurs du Mal von Charles Baudelaire erfahren durch Anagramm, Palindrom und Permutation, durch die phonetische Nachahmung, die oulipotischen „contraintes“ und die Engführung mit der eigenen Autobiographie Pastiors jeweils eine mehrmalige Transformation. In meinem Vortrag soll gezeigt werden, dass die „Daneben-Übersetzungen“, obwohl sie anscheinend nichts anderes als sinnlose Aussagen hervorbringen, letztlich doch durch einige Körnchen von Sinn mit dem Original einen unerwarteten Bezug aufweisen oder gar dessen Sinn erweitern können. In dieser Hinsicht ist die hypertextuelle Überlagerung des Originals und der Übersetzungen als ein vielsprachiger „Palimpsest“ (Genette) aufzufassen.

Recent movements in German poetry engage with translation by mapping out the (post-)conceptual coordinates for a particular way of writing that is both critical and contemporary in the era of accelerated globalization. Setting out the claim that surface translation practices — i.e., experimental forms of translation that sound-wise and/or meaning-wise displace an antecedent text through strategies of appropriation — are creatively used to investigate the cultural politics of ambivalent and often stigmatized symptoms in language, I will elaborate interpretations of works by Ann Cotten and, most prominently, Uljana Wolf. I will conclude with new accounts of the complexities of a translational and translingual poetics that takes the reader outside the confines of standardized writing, speech, and habitual modes of possessing language and identity.

„Übersetzung“ ist ein Schlüsselbegriff bei Yoko Tawada. Ihre Poetik der Exophonie, die Sprache von der festen Bedeutung zu befreien und sie wiederzubeleben, ist in ihrem Frühwerk, vor allem in ihrem ersten, bilingualen Buch „nur da wo du
bist da ist nichts“ (1987) als Übersetungsverfahren dargestellt: Die Übersetzung verleiht einem Original einen neuen Schrift- bzw. Klangkörper. In ihrem Buch spricht Tawada auch von den „imaginären Büchern“, die als formlose Texte in ihrem Kopf existieren. Was sie damit meint, könnte wohl besser verstanden werden, wenn man ihren Essey „Das Tor des Übersetzers oder Celan liest Japanisch“ (1996) in Betracht zieht. Hier weist sie wiederholt auf Benjamins Idee der Übersetzung hin, die im Essay „Die Aufgabe des Übersetzers“ (1921) entwickelt wurde. In meinem Vortrag wird Tawadas Frühwerk unter Berücksichtigung von Benjamins Idee ausführlich analysiert.