Lesungen, 4. April 2019

„Erdkunde“ – Erkundung von Welt in der europäischen Gegenwartslyrik

Zeit:
4. April 2019, 19:00 - 21:00
Ort:
Leipzig, Haus des Buches, Gerichtsweg 28

Eine Gemeinschaftsveranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste, der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Russischsprachige Lyrik in Transition“ an der Universität Trier und des „Haus des Buches“ Leipzig

„Erdkunde“, ein Gedichtbandtitel von Marcel Beyer, ist das Stichwort für das Anliegen der Lesung von Lyrikerinnen und Lyrikern europäischen Ranges: Marcel Beyer, Róža Domašcyna, Kerstin Hensel und Olga Martynova loten jene geographisch gegebenen und historischen Tiefenschichten aus, die in Vergangenheit und Gegenwart zu Schauplätzen von Kriegen, Konflikten und dem Zerreißen des europäischen Kontinents geworden sind. Auf je eigene Weise fokussieren ihre Gedichte das Ineinander von Ich- und Welterkundung in den Zeiten der Globalisierung und offenbaren überraschende Blickwinkel und poetische Folgerungen.

Diesen und vergleichbaren Ambitionen in der weltweiten Vernetzung nachzugehen, bestimmt die Intentionen der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Russischsprachige Lyrik in Transition“. Flankierend stellt sie an diesem Abend Projektleiterin Henrieke Stahl vor. Über mehrere Jahre arbeiten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus mehr als 25 Ländern zusammen, um in der Lyrik seit Ausgang des 20. Jahrhunderts das Verhältnis von Individuellem, Nationalem und Globalem zu justieren und Grenzen bzw. Grenzüberschreitungen von Gattungen, Sprachen, Kulturen und Gesellschaften zu umreißen.

Moderation: Peter Geist

Donnerstag, 04. April 2019

19:00 Uhr

Haus des Buches, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig

Kurz-Bericht zur moderierten Dichterlesung „Erdkunde“ – Lesung mit Marcel Beyer, Kurt Drawert, u.a., moderiert von Dr. Peter Geist. Kooperationsveranstaltung mit der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, Haus des Buches, Leipzig

Der gemeinsame Autoren-Abend, veranstaltet von der Sächsischen Akademie der Künste und der Trierer DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Russischsprachige Lyrik in Transition“ im Leipziger „Haus des Buches“ war ein trefflicher Beleg für neue Synergien zwischen Lyrik bzw. Lyrikforschung fördernden Einrichtungen in Deutschland. Das Trierer Wissenschaftsprojekt, das, ausgehend von der russischen Lyrikentwicklung seit den 1980er Jahren, gleichsam eine globale Lyrik-Kartographie dieses Zeitraums zu unternehmen wagt, verabredete sich mit Dichterinnen und Dichtern der Klasse „Literatur und Sprachpflege“ an der Sächsischen Akademie der Künste zu einem gemeinsamen Lese-Event in der legendären Literaturstadt Leipzig. Dass so eine Kooperation reibungsarm gelingen konnte, hatte sicher auch damit zu tun, dass zumindest bei den Trierer Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen sämtliche Berührungsängste mit der lebendigen Gegenwartslyrik längst verflogen waren, wie andererseits die Lyrikerinnen und Lyriker sich kräftig einmischen in wissenschaftliche Diskurse und diese durchaus in ihre Poesie zu integrieren wissen. Beides war nachdrücklich zu erleben auf der von der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe veranstalteten internationalen Konferenz „Natur in der Lyrik und Philosophie des Anthropozäns. Zwischen Diagnose, Widerstand und Therapie“ in Trier wie auch auf dem von Lyrikern organisierten Kongressfestival „Fokus Lyrik“ in Frankfurt, beide gerade wenige Tage vor dem Leipziger Event.

Der Titel der Leipziger Veranstaltung „Erdkunde“ war einem Gedichtband des Dresdener Lyrikers und Büchner-Preisträgers Marcel Beyer entliehen, der nichts weniger unternimmt, als jene geologischen und historischen Tiefenschichten, die in der Vergangenheit zu Schauplätzen von Kriegen, Konflikten und dem Zerreißen des europäischen Kontinents geworden sind, auszuloten. Neben Marcel Beyer lasen an diesem Abend mit Kerstin Hensel, Róža Domašcyna und Olga Martynowa Lyrikerinnen von europäischem Rang, deren Werk auf je eigene Weise das Ineinander von Ich- und Welterkundung in den Zeiten der Globalisierung fokussierte und überraschende Blickwinkel und poetische Folgerungen offenbarte. „Erdkunde“ betrieben sie allemal, als Unterrichtung, als lyrische Forschungseinrichtung, als archäologische Ausrichtung, als geschichtliche Geographie. Der Titel des neuen Gedichtbandes von Róža Domašcyna „Die dörfer unter wasser sind in deinem kopf beredt“ könnte symbolisch auf eine gemeinsame Schnittmenge im poetischen Insistieren aller vier Lyriker-Gäste des Abends gedeutet haben.

Für das aufmerksame Publikum im Foyer-Café war es augenscheinlich faszinierend, das In- und-Miteinanderspiel von Poesie und Wissenschaft zu erleben und gängige Klischees von den Zuständigkeiten für emotionale und rationale Wesenseigenschaften des Menschen in Frage gestellt zu sehen. Dies sollte durchaus ermutigen für nächste Kooperationsprojekte.