Workshop „Neuere russische Lyrik: vom Konzeptualismus zu politischer Partizipation und Performance heute“

In den letzten rund 10 Jahren ist Lyrik in Russland – wie in vielen anderen Ländern – wieder verstärkt politisch geworden. Politische Themen und Haltungen sind weniger Gegenstand, als dass der poetische Akt selbst politisch partizipativ wird. Lyrik agiert im öffentlichen Raum– etwa in der Stadt oder den Medien, vor allem den sozialen Medien im Internet – als Kommunikationsform, deren ästhetische Qualitäten für politisches Handeln eingesetzt werden. Diese dienen nicht nur als Instrument zur Vermittlung und Verstärkung von Expression, Emotion und Appell oder, im Gegenteil, von kritischer Reflexion und Distanzierung von emotionalen und ideologischen Vereinnahmungen, sondern werden selbst identisch mit dem politischen Akt. Das ‚Kunstprodukt‘ kann sich in interaktives Handeln auflösen und die Grenzen zwischen Einzelnem und den Anderen, zwischen Privatem und Öffentlichem, Ästhetischem und Politischen in Transition bringen.

Unhintergehbarer Bezugspunkt für viele Vertreter anspruchsvoller politischer Lyrik in Russland ist heute wieder oder immer noch der Moskauer Konzeptualismus. Er begann in der inoffiziellen Szene des sowjetischen ‚Untergrunds‘ und wirkte über Perestrojka bis in die Aufbauzeit der Russischen Föderation hinein und setzt sich in der Gegenwart im Postkonzeptualismus fort. Ihn kennzeichnet der medien- und kunstformenübergreifende, selbstreflexive Umgang mit politischen Fragen in ästhetischen Formen. In seinem Zentrum stehen die kritische Verwendung ästhetischer Mittel, von Sprache und Medien, die immer schon Teil von Machtdiskursen sind, und das Problem des Subjekts mit seinem stets implizit mitgegebenen polarisierenden und hierarchisierenden Anspruch.

Der Workshop lässt am ersten Tag Vertreter zweier Generationen zu Wort kommen: Lev Rubinštein ist Mitbegründer und Hauptvertreter des Moskauer Konzeptualismus, während Roman Osminkin Akteur der neueren ‚linken‘ Lyrikszene aus Sankt Petersburg ist. Sie werden mit Vortrag, Diskussion und poetischer Lesung Einblick in Entwicklung und Formen neuerer politischer Lyrik und deren Wurzeln im Konzeptualismus geben. (Vortragssprache ist Russisch.)

Am zweiten Tag folgen Vorträge, welche über den Konzeptualismus hinaus weitere Formen politischer Lyrik behandeln. Im sowjetischen Untergrund gab es auch andere Bewegungen politischer Aktionskunst an den Grenzen zwischen Lyrik und Theater, deren Erforschung weitgehend Neuland ist, da die Materialien bisher kaum publiziert und erforscht sind. Und in der Gegenwart bilden die sozialen Medien sowie die Verbindung von Lyrik mit Song, Performance und Film breite, kaum erforschte Gebiete aus. (Vorträge auf Russisch, Deutsch und Englisch.)

Ein vollständiges Programm und weitere Informationen zu den Themen und den Vortragenden finden Sie hier.

Ein Plakat der Veranstaltung finden Sie hier.