Konferenz, 4. Juni 2019

Konferenz – „The Between-ness of Lyric / L’entre-deux lyrique / Lyrik im Dazwischen“

Zeit:
4. Juni 2019 - 7. Juni 2019
Ort:
Lausanne (Schweiz)

Lyric Genres in Transition:

Presentations of the DFG-Kolleg-Research group FOR 2603

Playing with interferences between genres and media has assumed new dimensions in contemporary poetry. The borders between lyric, narrative and dramatic genres, between prose and poetry, between public reading, dramatic production or song, between text, art or film, and even the borders between public and private, aesthetic and discourse or between producer and recipient have come in transition. Among all genres, lyric is arguably most affected by the transition of generic and medial features. The stream of four panels Genres in Transition, every with three papers, will cover this area of subjects by the following topics:

  1. Recent lyric between the genres
  2. Recent lyric in the Internet and in performances
  3. Recent lyric in music, film and art
  4. Recent Lyric in the public space

The four panel include contribution to Lyric in German, English, Russian, Japanese and Chinese, the presentations are in German or English.

This proposal is supported by the DFG-Kolleg-Research group FOR 2603 “Russischsprachige Lyrik in Transition. Poetische Formen des Umgangs mit Grenzen der Gattung, Sprache, Kultur und Gesellschaft zwischen Europa, Asien und Amerika“ at the University of Trier / Germany.

It has been organized by Ralph Müller (Germanistik, University of Fribourg) and Henrieke Stahl (Slavistik, University of Trier, director of the DFG-Kolleg-Research group FOR 2603).

[Henrieke Stahl (Keynote): Subjektkonstitution in der Lyrik zwischen den Gattungen]

 

Stream Lyrische Genres in Transition

Das Spiel mit den Interferenzen zwischen Gattungen und Medien hat in der Gegenwart ungekannte Ausmaße gewonnen. Die Grenzen zwischen lyrischen, narrativen und dramatischen Gattungen, zwischen Prosa und Vers, Lesung und theatralischer Darbietung oder Gesang, zwischen Text und Kunst oder Film und sogar die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem, Ästhetischem und Diskursivem sowie zwischen Produzent und Rezipient sind in Transition geraten. Die Lyrik ist die vielleicht am stärksten von Transitionen der Gattungsspezifika und medialen Präsentationsformen betroffene literarische Gattung. Der Stream wird dieses Themenfeld anhand von vier Schwerpunkten mit jeweils drei Vorträgen erschließen:

  1. Neuere Lyrik zwischen den Gattungen
  2. Neuere Lyrik im Internet und Performance
  3. Neuere Lyrik in Musik und Film
  4. Neuere Lyrik im öffentlichen Raum

Es sind Beiträge zur deutsch-, englisch-, russischsprachigen sowie japanischen und sinophonen Lyrik versammelt. Die Vorträge des Streams sind auf Deutsch und auf Englisch.

Träger des Streams ist die DFG-Kollegforschungsgruppe FOR 2603 „Russischsprachige Lyrik in Transition: Poetische Formen des Umgangs mit Grenzen der Gattung, Sprache, Kultur und Gesellschaft zwischen Europa, Asien und Amerika“, Universität Trier / Deutschland.

Organisatoren des Streams sind Ralph Müller (Germanistik, Universität Fribourg) und Henrieke Stahl (Slavistik, Universität Trier; Projektleitung der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe FOR 2603).

[Henrieke Stahl (Keynote): Subjektkonstitution in der Lyrik zwischen den Gattungen]

(1) Prof. Dr. Ralph Müller (Fribourg / Schweiz ‒ Germanistik): Epische Lyrik zwischen lyrischer Poesie und narrativer Prosa Die deutschsprachige Lyrikszene hat seit dem letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts einen großen Aufschwung erlebt, und mit leichter Verspätung haben auch die Bemühungen um eine wissenschaftlich fundierte Lyriktheorie neue Dynamik entwickelt. Die erste Welle dieser neueren deutschsprachigen Lyriktheorie hat sich stark auf narratologische Begriffsbildung gestützt (bspw. Zettelmann 2000; Hühn & Schönert 2007). In jüngerer Zeit hat man sich demgegenüber stärker darauf konzentriert, Lyrik gegenüber anderen Gattungen zu profilieren (vgl. Hillebrandt, Klimek, Müller & Zymner 2019). Als Begründung wird dabei insbesondere vorgebracht, dass narratologische Terminologie zu einer Neigung führen kann, Konzepte wie ‚Illusion‘, ‚Ereignishaftigkeit‘ oder ‚Erzähler‘ zu fokussieren, für die Lyrik typischerweise keine guten Beispiele liefert. Der zum Teil explizite Widerstand gegen narratologische Terminologie speist sich somit insbesondere aus dem Bemühen um eine gegenstandsadäquate Terminologie und dem Anspruch, dass eine Terminologie nicht zu einer defizitorientierten Behandlung einer Gattung führen sollte. Unter dem Gesichtspunkt einer gegenstandsadäquaten Terminologie wiegt allerdings schwer, dass viele lyrische Gebilde durchaus narrative Merkmale aufweisen. Man muss in dieser Hinsicht nicht nur an epische Dichtung denken, etwa Grünbeins Vom Schnee oder Descartes in Deutschland (die übrigens von der Narratologie eher stiefmütterlich behandelt wird und vermutlich ebenfalls aus einer lyrikologischen Perspektive betrachtet werden sollte). Wie in diesem Beitrag anhand von Monika Rincks Honigprotokollen dargelegt werden soll, zeichnen sich gerade auch avantgardistische Sprachexperimente durch Bezüge auf Narrativität aus. An den Honigprotokollen fallen in dieser Hinsicht die einleitenden unkonventionellen Inquit-Formeln auf, besonderes Interesse sollte zudem der Verbindung von sprachlicher Assoziation und Ereignis geschenkt werden. Des Weiteren soll auf diese Weise ein kritischer Blick auf den terminologischen Raum zwischen ‚lyrisch‘, ‚episch‘ und ‚narrativ‘ geworfen und ein Vorschlag zur vorsichtigen Integration von narratologischer Terminologie in die Lyrikanalyse gemacht werden. Müller-Zettelmann, Eva, Lyrik und Metalyrik. Theorie einer Gattung und ihrer Selbstbespiegelung anhand von Beispielen aus der englisch- und deutschsprachigen Dichtung, Heidelberg 2000. Hühn, Peter & Jörg Schönert: Auswertung der Text-Analysen und Schlussfolgerungen zu den Aspekten von Narratologie, Lyrik-Theorie und Lyrik-Analyse. In: Peter Hühn, Jörg Schönert und Malte Stein: Lyrik und Narratologie. Text-Analysen zu deutschsprachigen Gedichten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Berlin 2007, S. 311-333. Hillebrandt, Claudia; Sonja Klimek; Ralph Müller & Rüdiger Zymner (Hg.), Grundfragen der Lyrikologie 1. Lyrisches Ich, Textsubjekt, Sprecher?, Berlin 2019. (2) Prof. Dr. Peter Hühn (Hamburg / Deutschland – Anglistik): Gattungserweiterungen in zeitgenössischer britisch-irischer Lyrik In der zeitgenössischen Lyrik in Großbritannien und Irland sind verschiedenartige Tendenzen zur generischen Grenzüberschreitung zu beobachten, zum einen zur Koppelung lyrischer Texte mit visuellen Elementen, zum anderen zur Erweiterung des prototypisch kurzen Einzelgedichts zu Langformen, die etwas anderes sind als bloße Verserzählungen, wie es sie auch schon früher gab, sowie zur Kombination von Einzelgedichten zu neuartigen Großformen. Beide Tendenzen der Grenzüberschreitung sind gekennzeichnet durch besondere Nutzung von Perspektivtechniken, durch veränderte Prinzipien der Sequenzbildung sowie durch vielfältigen Einsatz von narrativen Elementen und narrativen Strukturen. Der Beitrag untersucht diese Tendenzen unter anderem anhand von folgenden Beispielen: Tony Harrisons „film poems“ The Gaze of the Gorgon (1992), The Blasphemers̕ Banquet (1989) und The Shadow of Hiroshima (1995); Derek Walcotts Omeros (1990), Paul Muldoons Madoc – A Mystery (1990) sowie Glyn Maxwells Time’s Fool: A Tale in Verse (2000), The Sugar Mile (2005) und Drinks with Dead Poets: The Autumn Term (2016). Die Untersuchung bedient sich eines transgenerischen narratologischen Ansatzes zur Lyrikanalyse. (3) Jasmin Böhm M.A. (Trier / Deutschland – Japanologie): A gap in(to) the dictionary – the in-between lyric of Tawada Yōko The work of Japanese-born writer Yoko Tawada (Tawada Yōko) stands out as an example of ‘in-between’ writing in several ways. Instead of simply ‘translating’ her native Japanese into acquired German, Tawada develops a particular style, which blends the phonetic, metaphoric and grammatical particularities of both languages, often self-reflexively. In her texts, poetic ‘in-between spaces’ emerge, where creative work, cultural translation and personal transformation take place. However, the texts themselves also construct in-between spaces on a formal level. Both the Japanese-language ‘poem cycle’ Kasa no shitai to watashi no tsuma (“The corpse of the Umbrella and my wife”, 2006) and the German ‘lyrical novel’ Ein Balkonplatz für flüchtige Abende (“A place on the balcony for fleeting evenings”, 2016) are book-length works with a degree of narrative progression on the content level, but they also feature vivid imagery, association and wordplay, which makes a categorization as either volumes of poetry or as novels problematic. Since both works also share thematic overlaps, I will compare excerpts to analyse the comparable ‘poeticity’ and ‘narrativity’ of the texts, and attempt to develop a fitting descriptive vocabulary. The in-between space of genres also becomes visible in Tawada’s self-translations, which often amount to rewritings and lead to a change in genre – travel essay to novella, novel to drama, or poem to prose text. In this last instance, I want to present another example which defies simple classification. Going merely by publication date, the poem “Die Orangerie” (“The Orangery”, published in the collection Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden, 1997) is the original for the prose (?) text “Orenji-en nite” (“In the orange garden”, first published in the magazine Gunzō in 1997, then in the collection Kitsunetsuki (“Fox Moon / Fos Possession”) 1998). However, both the close publication date and a number of textual peculiarities of both pieces point to the mutual influence the German and Japanese versions exerted on one another. Based on this connection, I argue that “Die Orangerie” and “Orenji-en nite” complement each other and form a whole, inaccessible to non-bilingual readers. This whole functions as a poem, despite the prose characteristics of the Japanese text.
(4) Prof. Dr. Peter Stein Larsen (Aalborg / Dänemark ‒ Skandinavistik): Contemporary Poetry between the Book and the Internet Has the concept of genre become meaningless in relation to digital poetry, since it is claimed that the hybrid nature of the new multimodal poetry, in which complex mixtures of writing, speech, image, graphics, film and sound effects are found, entails that “each work is a genre in itself” (Sørensen 2010)? Is the concept of literary works dissolved, when we cannot define works as belonging to categories such as poem and collection of poems? Has the work as a stable object become replaced by the text as an act or an event (Rustad 2012)? Has the poet lost his / her authority and authenticity (Larsen 2009) in the “ergodic” poetry in which the reader’s interaction with the text is an inseparable part of poetic aesthetics (Aarseth 1997; Perloff 2010)? And finally: What is the relationship between book poetry and internet poetry? In the paper, I will examine the relation between book poetry and digital poetry. I will focus on the distinctive differences as well as the similarities between poetry presented in these two media. On the one hand, we find significant changes in both genre and work concepts, when we look at the author and the reader roles in the transition from book poetry to digital poetry (Kress 2003; Morris and Swiss 2006; Engberg 2007; Larsen 2015; Mønster 2016). On the other hand, several trends within the tradition of poetry have become intensified and further developed after the emergence of the Internet. I will focus on five key features, which connect book poetry to internet poetry. These five features have been founded in book poetry, but, to a great extent, the features has been unfolded in digital poetry. The five features are the multimodality, the montage form, the network structure, the serial form and the procedural form. I will discuss the five features based on examples from contemporary poetry. (5) PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek (Berlin / Deutschland – Germanistik): The meaning of the performed word: Poetry translations in the age of ubu, pennsound and lyrikline My paper will focus on how to translate poems we not just can read, but also can listen to. Contemporary online digital audio archives specialized in sounded poetry like ubu.com, pennsound or lyrikline have offered such new ways to listen to the Poets voice. Whereas a number of authors reflected the idea of “close listening” Bernstein (Bernstein 1998), the “Sound of Poetry” (Perloff and Dworkin 2007) or the poetic experience made with spoken poetry (Utler 2016), there has been no discussion about the consequences these new archives might have for the translation of poetry. What does it mean to translate poems, when we can listen to the Poets voice, to the way he or she performed the poem? To answer these questions, I will focus not only on examples from the 17,500 translations existing on lyrikline, but also on a theoretical discussion addressing exactly this topic. It was Henri Meschonnic, who triggered the so-called “performative change” in metric theory as well as in translation theory by rising such questions, unaware about the archives mentioned above. Criticizing the traditional translation of foreign languages in terms of a “langue”, i.e., the individual language, Meschonnic called for translating the “discours”, i.e., the concrete speech. This is the main difference to older approaches of “translating Poetry” (Nida, Lefevere, Holmes) dating from the 1970s influenced by the so-called Prague group (Jacobson, Miko, Levij) and their comparative analysis of surface-structure features of language and poems. Meschonnic’s translation focuses not on such surface structures of poems, but on their orality, their rhythm, their performance, their voice. The voice as orality, as “the subject we hear” is for Meschonnic not a phenomenology or psychology of reading but something emerging from the text as “what a subject does to its language” (Meschonnic 2011, 139). Following Henri Meschonnic’s distinction between “traduction-texte” and “traduction non-texte” (or “traduction-introduction”) and his call for translation as writing rather than re-wording (“une pratique du traduire homologue à l’écrire” (Meschonnic 1972, 350), Barbara Folkart drew a line between “writerly” translations done by Poets like Ted Hugh, Mary Herbert, Pierre Leyris, Robert Lowell and Robin Robertson, and rather “readerly” efforts by professional translators like Amy Clampitt and Frank Justus Miller (Folkart 2007, 69 ff.). With regard to that “writerly” translations, Folkart defined her idea of a translation's “valency” based on the claim that “poems are essentially performative” (Ibid.). My paper will take up the distinctions made by Meschonnic and Folkart with regard to some exemplary translations of sounded poetry, taken from the lyrikline-Webside. (6) Dr. Anna Bers (Göttingen / Deutschland – Germanistik): Ein spannungsreicher Normalfall: Lyrik-Performance und Gedichttext als Aggregatzustände des Gedichts Autorinnen und Autoren aktueller Lyrik beschreiben, beklagen, beklatschen einen Trend zur ‚Eventisierung‘ von Lyrik.[1] Dieser Trend hängt maßgeblich mit einer übergeordneten Bewegung zusammen, im Zuge derer gedruckte, buchförmige Literatur kommerziell leidet, wobei gleichzeitig (ökonomisch-kompensatorisch und / oder durch ästhetische Verschiebungen) Lesungen, Performances und Auftritte von Autoren / Autorinnen wichtiger und zahlreicher werden. Durch diese Veränderung in der literarischen Praxis wird auch in der Lyrikologie zunehmend die performte Lyrik systematisch beachtet. Anders als dieser Entwicklung suggeriert, sind Phänomene des Performativen aber gerade kein Novum einer jüngsten (digitalisierten, ökonomisierten, globalisierten) Literatur, sondern waren schon immer Teil lyrischer Praxis. Zurecht veraltete, weil systematisch zu enge Bestimmungen haben das schon vor vielen Jahren geahnt: „Der Kern der Lyrik ist das Lied.“[2] Die aktuelle Lyrikologie[3] zieht mit umfassenderen Beschreibungsmodellen jenseits des Lieds ebenso nach wie Einzelstudien zu performativen Aspekten.[4] Sich nun nur noch auf die Lyrik-Performance zu konzentrieren, wäre jedoch ebenso verkürzend wie die bisherige zu starke Textorientierung. Die Lyrik ist – nicht anders als das Drama – eine Gattung des Dazwischen: Gedichte stehen zwischen Text und Performance, zwischen Grafik und Klang, zwischen Lektüre und Aufführung, zwischen Philologie und Theaterwissenschaft: „Bei graphischer und phonischer Repräsentation von Lyrik handelt es sich […] um kategorial differenzierte Konstitutionsmöglichkeiten von (lyrischem) Sinn – eben durch opake Schriftbildflächen oder aber durch opake Performanzereignisse. Diese ‚Bipolarität‘ der Lyrik fordert eine angemessene lyriktheoretische und lyrikanalytische Berücksichtigung – von der man freilich bislang in der Lyrikologie allenfalls Ansätze erkennen konnte.“[5] Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang eine besondere Schnittstelle zwischen Lyrik-Performance und Gedicht-Text: Es gibt Texteigenschaften, die eine Performance erlauben oder begünstigen (für diese Eigenschaften haben wir den Begriff ‚Performbarkeit‘ vorgeschlagen[6]), und es gibt Eigenschaften der Performance, die auf ein schriftliches Davor verweisen. Notwendigerweise sind die Texteigenschaften (Performbarkeit) dabei dennoch an die graphischen, sprachlichen und stillgestellten Bedingungen eines Schriftzeichengebildes gebunden und die performativen Charakteristika sind – obgleich sie auf Texte verweisen – Aspekte einer einmaligen, körperlichen und lautlichen Performanz. Dieses Spannungsverhältnis ist ein selbstverständlicher Teil vieler Gedichte. Ich möchte in meinem Beitrag zeigen, wie das mediale Dazwischen (die ‚Bipolarität‘) sich als lyrischer Normalfall fassen lässt, indem ich an einigen ausgewählten Gedichten der Gegenwart zeigen, wie sich die beiden ‚Aggregatzustände‘ ein und desselben Kunstwerks identifizieren und beschreiben lassen. Hierfür eignen sich besonders Texte, zu denen sowohl eine Performance- als auch eine Text-Fassung zugänglich ist, etwa Gedicht-Tanz-Performances von Martina Hefter oder pointenreiche Lesungen von Nora Gomringer. Ein besonderes Augenmerk gilt der beschriebenen Schnittstelle von Performbarkeit und Performanz. Zur besseren Konturierung des Normalfalls sollen überdies Gedichte herangezogen werden, die entschieden nicht im Dazwischen angesiedelt sind, sondern sich entweder als reine Schriftfläche (etwa bestimmte Texte aus der Konkreten Poesie) oder als konstitutiv performativ fassen lassen (etwa spontane Performance-Formen, wie ein Rap-Battle). [1] Vgl. dazu einige Antworten von Praktikern/Praktikerinnen auf die Frage danach, ob es „wirklich einen Trend zur Performance“ gebe (Frage 1) in: Anna Bers / Peer Trilcke (Hg.): Phänomene des Performativen in der Lyrik. Systematische Entwürfe und historische Fallbeispiele, Göttingen 2017, S. 273-286. [2] Bernhard Asmuth: Aspekte der Lyrik. Mit einer Einführung in die Verslehre, 7. Aufl., Opladen 1984, S. 133; siehe dazu Dieter Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart 2015, S. 6-7. [3] Vgl. exemplarisch Julia Novak: Live Poetry. An Integrated Approach to Poetry in Performance, Amsterdam / New York 2011. [4] Vgl. z.B. Frieder von Ammon: Fülle des Lauts. Aufführung und Musik in der deutschsprachigen Lyrik seit 1945. Das Werk Ernst Jandls in seinen Kontexten, Stuttgart 2018; Joh. Nikolaus Schneider: Ins Ohr geschrieben. Lyrik als akustische Kunst zwischen 1750 und 1800, Göttingen 2004. [5] Rüdiger Zymner: Lyrik. Umriss und Begriff, Paderborn 2009, S. 47. [6] Vgl. Bers / Trilcke: Einleitung, in: dies. (Hg.): Phänomene des Performativen in der Lyrik, S. 9-58, hier S. 43-44.
(7) Dr. Sonja Klimek (Fribourg / Schweiz – Germanistik): Online Poetry Clips als Herausforderung für die Lyrikologie „you will say that this is not a poem / and I will say that you are right“. (Koleka Putuma)Poetry Clips, wie man sie häufig auf Internet-Plattformen wie YouTube oder den privaten Seiten der Spoken Word Artist/innen findet, überschreiten traditionelle Gattungsgrenzen (zwischen Lyrik, Epik und Dramatik, zwischen inszenierter Darbietung und geschriebenem Text), kreuzen aber auch zwischen medialen Formaten. Als Bild-Ton-Filme schließen sie an vom TV geprägte Rezeptionsgewohnheiten an. Poetry Clips sind jedoch nicht einfach online gestellte Film-Mitschnitte von Poetry Slams. Es handelt sich vielmehr häufig um extra für die Internet-Veröffentlichung produzierte Videoclips, in denen eine Person (im Normalfall der oder die Autor/in) einen Text zu Gehör bringt (im Normalfall spricht, aber möglicherweise auch singt, rappt, etc.). Im Unterschied zum Poetry Slam ist musikalische Begleitung möglich, und durch die technischen Möglichkeiten des Mediums wird der Text nicht selten ganz oder in Auszügen mit ins Bild hineinprojiziert – sozusagen aus dem ‚Off‘ eingeblendet. Auch das Verwenden von ‚Readymades‘ (klanglichen Zitaten aus der Außenwelt) kommt häufig vor, wie etwa im Hörspiel. Gleichzeitig handelt es sich aber immer um eine bestimmte Form von Internet-Clip, bei dem ein bestimmtes lyrisches Artefakt für die Kamera inszeniert wird. Die Texte von Poetry-Clips sind, wie bei Gedichten üblich, eher kurz, die Clips haben fast immer eine Länge zwischen 1 und 10 Minuten. Manchmal wird der inszenierte Text vorab, parallel oder später auch in einer gedruckten Fassung in einem Gedichtband oder auf einer Website veröffentlicht. Dies ist aber nicht immer so.Mein Beitrag zum Stream „Lyrische Genres in Transition“ soll die verbreitetsten Merkmale des Poetry Clips als neuem Hybrid-Genre identifizieren, seine generische Verwandtschaft mit anderen künstlerischen und/oder medialen Formaten herausarbeiten und anschließend prüfen, welche Analyseinstrumente man aus den entsprechenden Fachrichtungen (wie Musikvideo-Analyse, Gedichtanalyse, Dramenanalyse, Performance Analyse etc.) übernehmen kann und wo das (relativ) neue Format einfach noch nach neuen Analyseinstrumenten verlangt. Dabei soll auch gefragt werden, ob der Eindruck stimmt, dass Poetry Clips der Gegenwart besonders häufig gezielt auch soziale Funktionen erfüllen, etwa Träger eines (gesellschafts-)politischen Statements der Sprecher/innen-Produzent/innen dieses Medienformats zu sein. (8) Dr. Ilya Kukulin (Moskau / Russische Föderation – Russistik): Contemporary Russian Poetry and Russian Musical Avant-Garde: Performative Intersections (Stanislav L'vovsky, Andrei Sen-Sen'kov and some others) In the 2000s-2010s, one of the most intriguing trends in Russian poetry was (and now is) an intense strengthening of dialogue between music and poetry. On the one hand, today’s Russian composers, especially those who are between 25 and 55 now, more and more often write music works based on the poems of the postmodernist authors and/or perform together with these authors and record corresponding albums. Here, one can mention four CD-albums of Andrei Sen-Senkov’s poems recorded together with composers Kirill Shirokov, Alexey Sysoev, Olga Nosova, and some others, or musical performance Parasomnia written by composer Dmitrii Kurliandsky (premiered in Moscow in November of 2018) and based on a cycle of Stanislav L’vovsky’s poems Soviet Drinking Songs. On the other hand, some poets begin to write their own sound compositions accompanying their poems – like abovementioned Stanislav L’vovsky who has posted on Soundcloud some his musical-poetic works in 2016-2018. Since 2008, a composer and a poet Pavel Zhagun organize a festival Poetronica in Moscow, where poets perform their works with the musicians, DJs and VJs. In pop culture, a much more “comfortable” (if comparing with Sen-Senkov or L’vovsky) author Vera Polozkova gathers the huge audiences reading her poems to the chamber orchestra accompaniment, and even publishes the DVDs with the records of her concerts. In this talk, I am going to discuss how this “sound turn” can change understanding and perception of poetry in today’s Russia. (9) Dr. Ekaterina Evgrashkina, Postdoktorandin, wissenschaftliche Mitarbeiterin (DFG-Kolleg-Forschungsgruppe FOR 2603 „Lyrik in Transition“, Universität Trier): Gegenwärtige poetische Ekphrasis: die „Abbildungen“ von Alexander Ulanov Unter Ekphrasis (griech. ἔκ-φρασις ‚Beschreibung‘) wird die literarische Beschreibung eines Werks der bildenden Kunst verstanden. Es handelt sich um eine literarische Visualisierungsstrategie: Die Ekphrase versucht, den „Zuhörer zum Zuschauer zu machen“ (so Nikolaus von Myra) und eine quasi synästhetische, ganzheitliche Erfahrung zu suggerieren. Sie steht damit im Spannungsfeld zwischen Bild und Wort. Das letzte Kapitel des Buches «Способы видеть» [Sehverfahren] von A. Ulanov, welches 2012 in der Reihe „Neuere Lyrik“ («Новая поэзия») im renommierten Verlag „Neue Literaturschau“ («Новое литературное обозрение») veröffentlicht wurde, besteht aus Texten, die literarische Reflexionen zu visuellen Gestalten aus der bildenden Kunst und Fotografie darstellen (laut B. Dubin „kopfzerbrechende und faszinierende Versuche, diesen Gestalten anhand des Wortes zu folgen“). Der Titel jedes Textes trägt einen Maler- oder Fotografennamen (G. Klimt, E. Schiele, J. Sudek, F. Woodman u.a.m.) und wird deswegen zum Schlüssel in der Suche nach visuellen Referenzen innerhalb des Textes. Bestimmte künstlerische Referenzen sowie Form und Inhalt jeweiliger Aussagen bei A. Ulanov lassen einerseits von einem marginalen gegenwärtigen Verfahren der poetischen Ekphrasis reden und greifen andererseits Fragen nach der inhaltlichen Autonomie solcher Texte und der Komplexität ihrer Gattungsdefinition auf (Hybride von Essay und poetischen Ausdrucksformen). Im Vortrag werden diskursive Merkmale der Ekphrasis-Formen untersucht sowie Besonderheiten ihrer diskursiven und gattungsspezifischen Hybridität.
(10) Prof. Dr. Claudia Benthien (Hamburg / Deutschland – Germanistik): Public Poetry: Encountering the Lyric in Urban Space This talk will explore the presence of the poetic word in contemporary urban settings, appearing in many diverse forms. From ‘poems in motion’ by unknown writers, posted in the New York subway – at the very place where one expects to find ads –, to fluid xenon light projections of huge verse on the exterior of buildings in Basel or Zurich by visual artist Jenny Holzer, presenting poems of the Nobel Laureate Wisława Szymborska together with her own rudimentary truisms. From single poems permanently written on walls – e.g. the much-discussed concrete poem “Avenida” by Eugen Gomringer at the fassade of a Berlin college of education – to the technically enhanced spoken word, audible from far away as a side-effect of gigantic poetry slam events in stadiums, e.g. the Trabrennbahn (racecourse) in Hamburg.The arguments to follow will be twofold: on the one hand, the talk will use concepts of Russian Formalism distinguishing ‘poetic’ from ‘prosaic’ language and will argue that it is the unexpected literariness of poetic language in the public realm that lets the words appear as ‘lyric’. Ambiguously alienated proverbs put on German waste bins to urge people to use them, for instance, consciously apply poetic language to cause irritation – and to create what Jakobson famously called the “palpability of signs”. Poetic language can be perceived as such if it is ostentatious or if it creates deviations, a heightened awareness of its materiality and structure: an ‘aesthetic surplus’ that exceeds the communicative function which usually dominates the public sphere with its cacophony of street signs, ads, sirens, people talking etc.On the other hand, the talk will inquire theoretical dimensions of the ‘between-ness’ of poetry encountered in urban spaces: shifting between the oral and the written mode, between communicative message and aesthetic experience, but also between private and public. How does a subject or a collective encounter the ‘sudden presence’ of poetry in urban spaces and how are both instances related? Recent debates on the ‘politics’ of the communal space will be taken into account here, for instance if the public sphere is diminished through privatization and commercialization or if the urban anonymity, previously one of its central characteristics, gradually gets lost through video surveillance, security services and the growing presence of police. This sociological criticism can be confronted with approaches from performance studies, looking at non-structured audiences and unexpected ‘ways of assembling’ to enable new forms of democracy, collectivity, and participation. (11) Dr. Justyna Jaguscik (Zürich / Schweiz – Sinologie): New Dynamics: Chinese Women’s Poetry in Motion My paper addresses the subject of generic crossovers and explorations in female-authored Chinese-language poetry. It focuses on authors associated with the independent journal Wings, which since its inception in 1998 as an unofficial publication dedicated to women’s writing has already developed into a publishing house with a strong online presence. In the first years of its existence, the editors and authors behind the journal pursued the goals of disseminating and translating female-authored poetry while concentrating on establishing a theoretical framework within which writing by women could be discussed on its own terms. In the following years, the editors also eagerly embraced the opportunities created by an increasingly cross-media cultural production. Currently they actively cooperate with theatre directors, playwrights, performance artists, and dancers. My discussion of the activities of the community focuses on its staging of performances based on female-authored poems, which resulted from the joint efforts of four women: the poet Zhai Yongming (b. 1955), the poet-scholar Zhou Zan (b. 1968), the theater directors Cao Kefei (b. 1964) and Chen Si’an (b. 1986). The Beijing-based independent theater group Ladybird Theater established by Zhou and Cao has become, next to the journal Wings, an important institution for the circulation of women’s poetry in the PRC, but also across national borders. In 2010 and 2011 the grope staged two performances that were based on female-authored poetry. In 2014 Chen Si’an adapted for the theater stage the most recent (2014) long poem by Zhai Yongming, “Roaming Fuchun Mountains with Huang Gongwang”, that is modern appropriation of genres of landscape painting and landscape poetry. These avant-garde experiments with poetical theater show, that in the current imagedominated era, poetry is not necessary doomed to occupy marginal positions in the field of culture. On the contrary, poetical language may be translated into visual images, sounds or bodily movements on stage. Consequently, the poetical exploration of writing and reciting practices could even gain new momentum from the emerging multimedial visual-verbal dynamics. (12)Prof. Dr. Klavdia Smola (Dresden / Deutschland Slavistik): Zwischen den Grenzen: Transnationale und transdiskursive Räume der russischen Aktionspoesie Politisch engagierte Aktionslyrik ergibt im heutigen Russland eine ganz eigene, neue Variante des intellektuellen Dissens’, in der verschiedene Traditionen des ästhetischen Engagements zusammenlaufen: russische Avantgarde; globale Kunstpraktiken im Geiste von Do It Yourself-Bewegungen; internationale linke Philosophie und sowjetische Underground-Kultur. Nationale Kulturimpulse interagieren hier nicht mehr ‒ wie im Spätkommunismus, der noch von strikten geopolitischen Bipolaritäten gekennzeichnet war, ‒ mit den westlichen Tendenzen, sondern vielmehr mit globalen Trends, die sich transnational verbreiten und immer neu verflechten. Mit diesen bunten Genealogien reagieren russische engagierte Ästhetiken auf weltweite kreative Entwicklungen der letzten zwei bis drei Dekaden und hier vor allem auf die Entgrenzung der ästhetischen Tätigkeit hin zu den Bereichen Politik, Stadtplanung, Ökologie, Erziehung und Ökonomie. Diese „pragmatische“ Wende löste von den 1990er Jahren an sukzessiv das einflussreiche Denkparadigma des Poststrukturalismus und des linguistic turn ab, die Bedeutungen und Identitäten in den Text verlegten und sie als diskursives Spiel relativierten. Nicht nur Philosophie (v.a. der spekulative Realismus), sondern auch poetische und ästhetische Praktiken kehren heute zum Gegenständlichen zurück, nehmen Tatsachen und Materie ernst, wenden sich aber zugleich dem Analytischen und Investigativen hin. In Russland war und ist diese Wende jedoch auch das Ergebnis der politischen Restriktionen und der massiven Einschränkung des öffentlich Sagbaren. Immer öfter partizipieren engagierte Lyriker und Künstler in Russland und im Ausland auch an gemeinsamen Projekten, die jenseits der nationalen, medialen und diskursiven Grenzen angesiedelt sind und es zum Ziel haben, globale soziale und politische Partizipationsräume zu erschaffen. Dort stehen interaktive Installationen und Werkstätten, Umwandlung urbaner Milieus, theoretische Diskussionsforen im Rahmen der Seminare und Schulen oder auch Experimente mit der Integration sozialkritischer Kunstprojekte in den Alltag im Mittelpunkt. Im Vortrag werde ich mich diesen Projekten widmen und der Frage nachgehen, wie die Vermengung und Interaktion verschiedener Diskurse, Medien und Genres dort funktioniert und auf welcher Basis die Zusammenarbeit möglich wird oder warum sie ggf. scheitert. (13) Dr. Anna Gavryliuk (Trier): New Media and Public sphere in Ukraine: between poetics and ideology Due to the recent political, social and economic tension between Russia and Ukraine, it is necessary to discuss not only the political discourse in these two countries, but first of all the reaction of culture, new media and society. The recent events in Ukraine (the Euromaidan revolution, the war in the East of Ukraine) and the Russian-Ukrainian conflict indicate the importance of a scholarly approach towards the country’s transformation and emphasize the role of interdisciplinary research methods and particularly the studies in the field of literature, sociology and political science as those which can adequately reflect the complexity of the current situation in Ukraine. Many recent studies have focused on the problem of the Russian-Ukrainian conflict and its outcomes. However, little attention has been paid to contemporary poetry and poetical discourse in the Russian-Ukrainian conflict. The aim of this paper is to fill this gap and explore political, poetical and the new media discourse in contemporary poetry through the prism of the Russian-Ukrainian conflict. The title of the article refers to these concepts: public sphere, poetry, politics and the new media. These concepts define the research thesis of the paper, its research methods and its subject matter. The theoretical issues include the concepts of sociology of literature as coordination between the literary and the social; as well as theoretical approaches of discursivity by Jürgen Habermas’ and his theory of the public sphere. Contemporary Ukrainian poets widely use social media that function firstly, as a platform of communication, secondly, as a tool to promote their poems, and thirdly as a space for formation of “public opinions” according to Jürgen Habermas’ theory of the public sphere (1992). Community formation is crucial for Ukrainian poets as media persona in the present who post and spread their political poetry online. It has certain advantages in comparison to the traditional process of publishing their works in print. Poetic discourse gains a special public attention and new potential through the possibility of fast dissemination of poetry via social media. Contemporary Ukrainian authors have become public representational figures, who influence “public opinions” with their poems: verses become familiar sayings, and poetry themes are also expressed in journalistic media discourses. This paper explores the reception of war by two Ukrainian contemporary poets Serhij Zhadan (b. 1974) and Borys Humeniuk (b. 1965) who represent different generation of poets with different ideologies.