10. internationales Festival „Biennale der Dichter in Moskau“ und Konferenz „China in der Gegenwartsdichtung“

28.11.-2.12.2017 – Tage der Biennale
21.11.-5.12.2017 – erweitertes Programm der Biennale

Organisation der Biennale:
V.I. Dalʼ-Staatsmuseum für Geschichte der russischen Literatur
Institut für Sprachwissenschaft RAN
Verband „Kulturinitiative“

4.-5.12.2017 – Konferenz „China in der Gegenwartsdichtung (Russland, Europa, Amerika)

Organisation der Konferenz:
Universität Trier (DFG-Kolleg-Forschungsgruppe FOR 2603 „Russischsprachige Lyrik in Transition“)
Russische Staatliche Geisteswissenschaftliche Universität
Gorʼkij-Institut für Weltliteratur RAN

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Das Internationale Festival Biennale der Dichter in Moskau, das seit 1999 zu einem wichtigen russischen und internationalen Kulturereignis geworden ist, wurde 2017 chinesischer Gegenwartsdichtung gewidmet. Neben 13 chinesischen Dichterinnen und Dichtern (Yu Jian, Ouyang Jianghe, Han Dong, Yang Xiaobin, Li Han, Yi Lei, Yang Lian, Han Bo u.a.) haben an der Biennale auch zahlreiche Lyrikerinnen und Lyriker aus Russland (Andrej Monastyrskij, V. Aristov, A. Sen-Senʼkov, N. Azarova, N. Zvjagincev, A. Skidan, N. Bajtov, S. Litvak, D. Kuzʼmin, D. Davydov, K. Korčagin u.a.m.) teilgenommen. Die Biennale hat zum Ziel, nicht nur den Dialog der Kulturen zu fördern, sondern auch wechselseitige Informationen über die jeweilige poetische Landschaft zu geben: Das Programm beinhaltete neben Lesungen, Vorträgen und Übersetzungswerkstätten auch Podiumsdiskussionen, welche Besonderheiten des modernen Literaturprozesses in China und Russland vorstellten. Es wurden insgesamt mehr als 40 Veranstaltungen an verschiedenen Kulturinstitutionen in Moskau durchgeführt.
In den Werkstätten der poetischen Übersetzung (28.-29.11.2017, Institut der Länder Asiens und Afrikas der MGU, Institut für Sprachwissenschaft RAN) haben chinesische und russische AutorInnen anhand von Interlinearübersetzungen und mithilfe der sprachlichen Vermittlung durch DolmetscherInnen Nachdichtungen angefertigt und wechselseitig miteinander besprochen. Auch unsere KollegteilnehmerInnen haben an den Diskussionen mitgewirkt. Durch Vergleich und Abwägung von sinnverwandten Ausdrucksmöglichkeiten wurde intensiv um eine adäquate Übertragung einzelner Stellen gerungen. Es gelang den DichterkollegInnen in den meisten Fällen die sprachlichen und kulturellen Differenzen mit Experimentierfreude zu überbrücken. Die in Teamarbeit entstandenen Nachdichtungen wurden zweisprachig am Großen Dichterabend „Aus dem Chinesischen und ins Chinesische“ (01.12.2017, Bibliothek der ausländischen Literatur) vorgetragen.
Im Rahmen der Biennale wurde an der Internationalen Buchmesse „Non-fiction“ auch die jüngst erschienene russischsprachige Anthologie „Chinesische Dichtung heute“ (herausgegeben von Natalija Azarova und Julija Drejzis) präsentiert; es wurden Originale samt Nachdichtungen auf Veranstaltungen der Biennale vorgetragen.
Die Biennale ließ in verschiedenen „Konstellationen“ der chinesischen und russischen AutorInnen Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Poetiken sowie allgemeine Tendenzen der Gegenwartslyrik in China und Russland sichtbar werden. Sowohl die chinesische als auch die russische Gegenwartslyrik zeichnen sich durch poetische Experimente aus, wie sie vor allem in zwei Veranstaltungen der Biennale deutlich wurden: bei dem Festival des Sprechverses (29.11.2017, Klub „Chinesischer Pilot Dschao Da“) und an dem Abend der visuellen Poesie „Signale und Zeichen“ (29.11.2017, Zentrum für Gegenwartskunst). Die orale und akustische Dimension der Lyrik hat heute wieder zunehmend an Bedeutung gewonnen, und zahlreiche intermediale und multidimensionale Formen der Gegenwartsdichtung erweitern den Begriff der Lyrik und ihre Präsentationsformen. So wurden beispielsweise poetische Collagen und Animationsexperimente, Gedichtperformances und computergenerierte Gedichte auf Chinesisch und Russisch sowie Experimente mit „poetischer“ Kalligraphie vorgestellt.
Die Podiumsdiskussion „Junge Lyrik in China und Russland“ (28.11.2017, „Elektrotheater Stanislavskij“) gab einen breiten Überblick über die aktuelleren Tendenzen des Literaturprozesses in China und Russland im Vergleich. Sowohl für chinesische als auch für russische AutorInnen bildet das Jahr 1989 – und in weiterem Sinne die Zeitspanne der ganzen 1990er Jahre – eine Zäsur, die das Geschichtsgefühl der Lyrik stark geprägt hat. Alle DichterInnen der Biennale sprachen von der Weiterentwicklung und Re-Interpretationen der jeweiligen literarischen Traditionen des späteren 20. Jhs. (wie z.B. der „Nebeldichtung“ in China oder des Konzeptualismus, der Neo-Avantgarde und des Metarealismus in Russland). Für junge DichterInnen in beiden Ländern sind das politische und gesellschaftliche Engagement wichtig, aber auch die Suche nach einer authentischen poetischen Sprache. Die chinesischen AutorInnen heben die Bedeutung der Umgangssprache hervor, die für sie der chinesischen Wirklichkeit in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit entspricht. Aufgrund ihrer Realitätsnähe, ihrer Schlichtheit und ihrer Flexibilität verleiht die Umgangssprache dem literarischen Werk mehr Authentizität und Frische. Die Umgangssprache bietet nicht nur einen idealen Ausdruck für Prozesse des sozialen und inneren Lebens, sondern fungiert auch als ein probates Mittel, um die vorherrschende Ideologie wie die Autorität von Institutionen zu hinterfragen. Auch wenn die russische Gegenwartslyrik ebenfalls umgangs- und vulgärsprachliche Tendenzen zeigt, unterstrichen die jungen russischen DichterInnen der Biennale dagegen eher den Einfluss sprachreflexiver Tendenzen wie z.B. der amerikanischen Language School und betonten die komplexe (Selbst-)Reflexivität ihrer poetischen Äußerungen. Für die AutorInnen beider Länder besitzt die Massen- und Popkultur eine besondere Bedeutung, und neue Medien spielen dabei eine wichtige Rolle als Quelle für Neuerungen in der Sprache sowie als eine gute Möglichkeit, auf freie Weise eigene Texte zu veröffentlichen und allgemein zugänglich zu machen. Die TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion (Xuanyuan Shike, Li Suo, Shen Haobo, K. Korčagin, P. Arsenʼev, L. Oborin) haben ihre Gedichte auch am Großen poetischen Abend junger chinesischer und russischen Dichter „Koinzidenzen“ (30.11.2017, Moskau-Museum) vorgetragen.
Das aktuelle Verlagswesen in China wurde zum Gesprächsthema der Podiumsdiskussion „Neuere Tendenzen des Verlagswesens in China und Russland“ (30.11.2017, Čechov-Bibliothek): Li Suo, Dichterin und Lyrik-Redakteu­rin eines erfolgreichen Verlags in Beijing (Beijing Xiron Verlag), berichtete über die kulturellen wie kommerziellen Aspekte der Publikation von Lyrik, z.B. über die Auswahl der Gedichte, Auflagen, Paratexte, Werbung usw. Über regionale poetische Festivals, Projekte und Zeitschriften in China und Russland informierten Han Dong (Nanjing), Yi Lei (Tianjin), Li Han (Shijiazhuang), Cong Rong (Shenzhen), V. Lechcier (Samara), M. Bogatov (Saratov) u.a. im Rahmen der Podiumsdiskussion „Poetische Regionalkunde: Festivals, Projekte, Communities“ (29.11.2017, Kulturzentrum der Stiftung „Novyj mir“). Es wurden unter anderem das Problem der Finanzierung von Literaturveranstaltungen thematisiert, darunter auch durch den Staat (z.B. Institutionen der „Kulturpropaganda“ in China), sowie die Besonderheiten der „samizdat“-Publikationen in beiden Ländern.
Autorinnen unterschiedlicher Generationen aus China und Russland haben an der Dichterlesung und Podiumsdiskussion „Lyrik in China und Russland aus der Perspektive von Frauen“ (1.12.2017, Nekrasov-Bibliothek) teilgenommen (Yi Lei, Cong Rong, Li Suo, F. Grinberg, T. Ščerbina, O. Vasjakina, D. Serenko u.a.). Die wichtigsten Fragen der Diskussion waren dem Status einer Dichterin in beiden Ländern und der allgemeinen Genderproblematik in der Gegenwartslyrik gewidmet. Chinesische Dichterinnen erkennen sowohl die Emanzipation der Frauen als auch biologische und soziale Unterschiede zwischen Männern und Frauen an. Sie möchten ihre Dichter-Identität dennoch nicht durch das Merkmal „weiblich“ (positiv oder negativ) definieren, weil Lyrik kein Geschlecht haben solle. Sie setzen sich ohne Zweifel für Gleichheit bzw. Gleichberechtigung ein, aber diese geht für sie weit über das Geschlechtliche hinaus. Mit Verweis auf die jüngsten Versuche einiger chinesischer Stadtverwaltungen, die arme Bevölkerung gewaltsam auszutreiben, verdeutlichte eine chinesische Dichterin die haarsträubende Ungleichheit der „sozialistischen“ Gesellschaft und fordert zu mehr Mut für soziales Engagement auf. In der jüngeren Lyrik Russlands zeigen sich stärkere feministische Tendenzen, und das Gewalt-Thema verliert nicht an Aktualität. Andererseits wird die russische Frauenlyrik zu einem breiten Feld für die Dekonstruktion von Genderstereotypen und geschlechtlicher Polarität der Sprache an sich.


Am 4.-5.12.2017 fand an der RGGU und am Gorʼkij-Institut für Weltliteratur RAN die Internationale Tagung „China in der Gegenwartsdichtung (Russland, Europa, Amerika)“ statt, die im Rahmen der Kooperationsarbeit mehrerer wissenschaftlicher Institutionen Moskaus mit der Universität Trier (DFG-Kolleg-Forschungsgruppe FOR 2603 „Russischsprachige Lyrik in Transition“) unter der Leitung von Prof. Dr. Henrieke Stahl organisiert wurde. Die Tagung wurde durch die Prorektorin für internationale Zusammenarbeit Prof. Dr. Vera Zabotkina (RGGU, Moskau) eröffnet und durch Grußworte von Frau Dr. Wilma Rethage, Leiterin des DFG-Büros in Moskau, und von Prof. Dr. Henrieke Stahl (Slavistik, Universität Trier, Projektleitung FOR 2603) eingeleitet.
An der Konferenz haben 25 WissenschaftlerInnen, vor allem Slavisten und Sinologen, aus Russland, Deutschland, Lettland und Weißrussland teilgenommen, darunter 7 Mitglieder der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe FOR 2603 „Russischsprachige Lyrik in Transition: Poetische Formen des Umgangs mit Grenzen der Gattung, Sprache, Kultur und Gesellschaft zwischen Europa, Asien und Amerika“. Die Tagung war in folgende Sektionen unterteilt: „Das ‘Chinesische’ und die Sprache der Lyrik“, „China im Spiegel poetischer Übertragungen“, „China in der gegenwärtigen Weltliteratur“ und „China in der russischen Gegenwartsdichtung“.
Auf der Tagung wurden folgende Themen der literarischen Präsenz Chinas in der Gegenwartslyrik behandelt:

  • Primär bezieht sich das „Chinesische“ auch in der Lyrik auf explizite bzw. implizite Bezüge auf China als Land und als nationalen / ethnischen Raum und seine geografische Lage sowie seine Ortsnamen, Sprache, Kultur, Geschichte, Traditionen, Symbole u.a.m. Sekundär lassen sich „chinesische“ Bezüge in individuelle / singuläre poetische Kontexte einbauen und anhand bestimmter poetischer Praktika in verschiedenen Ländern unterschiedlich oder auch ähnlich entziffern und deuten.
  • Sowohl für China als auch für mehrere andere Länder (vor allem seit der Moderne) verlieren klassische chinesische Texte nicht an ihrer ästhetischen und kulturologischen Bedeutung, was auch in der Gegenwartsdichtung seine Spuren hinterlässt. Neuere poetische Übertragungen von Du Fu ins Russische (N.Azarova) eröffnen exemplarisch ein experimentelles dichterisches Feld – nicht nur für die Suche nach einer authentischen Übersetzungssprache, sondern auch für die Entwicklung eigener Poetiken in der russischen Gegenwartsdichtung.
  • Die sprachliche und semiotische „Aneignung“ chinesischer Realien und Artefakte in den Literatur- und Kunstbereichen anderer Kulturen trägt traditionell einen deutlich exotischen Charakter, was auch heutzutage weiterhin in der Gegenwartsdichtung weltweit zu entdecken ist.
  • Europäische Gegenwartsdichtungen zeigen immer noch ein reges Interesse für Ideogramme, wobei Schriftzeichen entweder als eigenartige komplexe Sinngehalte betrachtet werden, was den dichterischen Prozess zur Suche nach poetischen Analoga der Ideogramme in anderen Sprachen macht, oder sie bleiben – dekorative – Signifikanten für eine beinahe völlig unnahbare sprachliche Dimension, einen Raum des mehrdeutigen Unsagbaren / Schweigens.
  • Als Spiegel historischer Ereignisse setzt Lyrik unterschiedliche nationale Konnotationen in Verbindung mit China-Motiven: z.B. waren chinesische Anspielungen in der sowjetischen Lyrik der 70er Jahre ein Merkmal der inoffiziellen Literatur, in den 90er Jahren wurde diese Tendenz dagegen aufgelöst. Die größere Offenheit der Welträume führt heutzutage dazu, dass in der Gegenwartslyrik vornehmlich individuelle „Gesichter“ Chinas hervortreten.
  • Binationale Interkulturalität gestaltet sich sogar im Gewand der Übersetzung heute eher multilateral und sogar polylingual. So wird auch der China-Bezug in der russischen Gegenwartslyrik transkulturell überlagert, d.h. mit hybriden Einflüssen aus anderen Kulturen wie den USA oder westeuropäischen Ländern kombiniert, oder das Chinabild wird durch Konstrukte transkulturellen Ursprungs geprägt. Zu intertextuellen Quellen kommen intermediale, aber auch wissenschaftliche oder pseudowissenschaftliche sowie philosophische hinzu. Das poetische Chinabild besitzt heterogene Komplexität.

Die Biennale und die Tagung waren nicht nur wichtige internationale Kultur- und Wissenschaftsereignisse für Russland im Jahr 2017 (die Biennale wurde sogar in der Duma präsentiert), sondern bilden vor allem wichtige Elemente in der Zusammenarbeit von Kulturschaffenden und WissenschaftlerInnen verschiedener Länder. Der kulturelle und wissenschaftliche Austausch und die neuentstandenen internationalen Kontakte eröffnen Perspektiven auch für die weitere erfolgreiche und fruchtbare russisch-westeuropäisch-asiatische Kooperationen im Bereich der Geisteswissenschaften.


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